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Serie: „The Knick“ auf zdf neo

Sie beschweren sich übers Krankenhausessen? Dann wird Ihnen „The Knick“ eine andere Sicht auf die Dinge geben.

Düster muss es gewesen sein, um 1900 in New York, und die Medizin noch weit entfernt von heutigen Standards. Im „Knick“ (kurz für das Knickerbocker-Krankenhaus) spielt die neue Serie „The Knick“, deren erste 2 Folgen gestern Abend, Dienstag dem 18.07.2015 bei ZDFneo liefen.  Die

Von Entzugserscheinungen gezeichnet: Dr. Thackery (Clive Owen).
Von Entzugserscheinungen gezeichnet: Dr. Thackery (Clive Owen).

Chirurgie steht noch an ihren Anfängen und viele Menschen lassen bei den Versuchen, medizinisch besser zu werden, ihr Leben. Diesen Druck erträgt Chefarzt der Chirurgie Christiansen nicht mehr und nimmt sich das Leben – er überlässt seinen Platz damit seinem Freund, Kollegen und genialen Arzt Dr. John Thackery, der mit Hilfe von Kokain und Opium seinen eigenen Weg gefunden hat, mit der Lage umzugehen. Diesen begleiten Sie in der Serie nun bei den Versuchen, die chirurgischen Verfahren zu verbessern aber auch bei seinen Räuschen und Ausfällen – denn ähnlich wie Dr. House ist Dr. Thackery nicht als übersympathische Figur angelegt. Vielmehr ist er einzelgängerisch, ruppig und rassistisch, wenn auch mit Anflügen von Loyalität und Befähigung vor allem zu Männerfreundschaften. Zu ihm stößt der auch wegen seiner dunklen Hautfarbe ungewollte aber ebenso fähige Arzt Dr. Algernon Edwards.

Szene aus "The Knick"
Thackery (Clive Owen, Mitte laufend) kommt einem Schwarzen, dem weiße Lynchjustiz droht, vor dem „Knick“ zu Hilfe.

Neben diesem oftmals blutig abgefilmten Teil der Serie beschäftigt sie sich mit den Zuständen rund um das Krankenhaus herum. Sie erleben Sanitäter, die sich um Patienten prügeln – denn wenn sie diese „ihrem“ Krankenhaus bringen (vor allem wenn es wohlhabende Patienten sind), verdient das Krankenhaus am Patienten und die Sanitäter erhalten eine Art „Finderlohn“. Die Problematik der Finanzierung kommt immer wieder zu Wort: Man braucht reiche „Kunden“ oder Gönner, will aber keine Abstriche in der Grundversorgung machen. Desinfektion gibt es noch nicht, die Ärzte arbeiten mit bloßen Händen und grobem Gerät. Elektrizität findet gerade erst ihren Weg und stellt die Menschen auf die Probe. Von Bestechung des Gesundheitsamtes ist die Rede, dessen Mitarbeiter Hausbesitzer dank Schmiergeld nicht zwingen, ihre Häuser mit Elektrizität und fließenden Wasser auszustatten. Dies wäre zum Schutz vor Seuchen gedacht, denn es grassieren Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose. Kinder müssen arbeiten. Dunkelheutige leben in Ghettos. Es wird ein hartes, dreckiges Leben skizziert, neben dem das der sehr Reichen wie in einer Seifenblase herläuft.60086-8-02

Szene aus der Serie "The Knick"
Dr. Thackery (Clive Owen) versucht, assistiert von Lucy (Eve Hewson, r.) eine erste Bluttransfusion.

Und es gibt viel Spannendes zu sehen. Wie früher Blut abgepumpt wurde zum Beispiel, mit einer Handpumpe. Oder wie der Sanitäterwagen mit handbetriebenem Warnhorn durch die Straßen fährt.

„The Knick“ besticht durch zwiespältige Charaktere in einer harten Welt, Menschen, bei denen Gutes und Schlechtes so nah beieinanderliegen, dass es nicht mehr auseinanderdividiert werden kann – passend zu den rauhen Zeiten, in denen sie sich bewegen. Mit Clive Owen ist Dr. Thackery groß besetzt. Die Stimmung der Serie ist, wie man sie sich nur wünschen kann, düster mit der Hoffnung auf Licht. Allerdings, das sei gesagt: Dank der ausführlichen Operationsszenen und der dabei nicht selten sterbenden Menschen ist „The Knick“ nichts für zarte Gemüter. Denen mit einem starken Magen und Faszination für die Jahrhundertwende wird sie dagegen gefallen und Stoff zum Nachdenken geben. Wir waren plötzlich ganz dankbar fürs Krankenhausessen heute…

Die Serie „The Knick“ läuft Dienstag Abends, um 22.30 auf ZDFneo60086-8-01

 

Alle Bilder: Copyright: ZDF/Mary Cybulski

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Buchtipp: Frau Herzblut – Feine Köstlichkeiten & liebevolle Stylingideen

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Es gibt wirklich viele tolle Kochbücher im Vintagestil. Ich muss es wissen, denn ich habe viele in meinem Schrank stehen (nicht, dass ich oft dazu käme, etwas daraus zu machen – meist muss ich mich aufs Wasser-im-Mund-Zusammenlaufen-lassen beschränken). Doch manchmal gibt es Schmuckstücke, die besonders auffallen, und so ist es auch mit diesem: Frau Herzblut – Feine Köstlichkeiten & liebevolle Stylingideen

Kochen und Backen mit Herzblut und Retroflair

Vielleicht kennen Sie Frau Herzblut schon, als Bloggerin oder schon seit vielen Ausgaben als Autorin für den Vintage Flaneur – und bei uns ist sie nicht umsonst, sondern weil sie großartige Arbeit leistet. Sie bewundern ihre Rezeptseiten bei uns im Heft? Dann hat Ihnen das Buch noch viel mehr davon zu bieten.

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Frau Herzblut hat damit Anfang des Jahres ein grandioses Debut hingelegt, mit Rezepten, die sich sehen lassen können, passenden bezaubernden Sytlingideen, einem schlüssigen Gesamtkonzept und natürlich wahnsinnig tollen Fotos. Denn neben dem Kochen und Backen sind Dekorieren und Fotografieren unbestreitbare Talente dieser begabten Dame. Und alles, wie der Name schon sagt – voller Herzblut. Liebevoll arrangiert Frau Herzblut ihre Kreationen zu verschiedenen Themen mit passenden Deko-Elementen im Vintage Stil. So wird das Hawaii-Thema wunderbar sommerlich, Alice im Wunderland so romantisch verwunderlich wie man es sich nur wünschen kann und die Vorschläge für die Silvesterparty werden stilvoll in schwarz-weiß und Gold gehalten (womit ich Ihnen schon das eine oder andere aus ihrem zweiten Werk erzähle, das ebenso schön anzusehen und inspirierend ist wie ihr hier zu sehendes erstes Buch). Und so dürfen wir Ihnen, liebe Köchinnen und Dekoqueens, Bäckerinnen und Naschkatzen, dieses Stück Kochliteratur wärmstens ans Herz legen. Mit dem Versprechen: es wartet noch einiges Spannendes und Schönes auf Sie!

 

 

 

 

 

Carolin StrotheFrauHerzblut-Alice

Frau Herzblut – Feine Köstlichkeiten & liebevolle Stylingideen

Gebundene Ausgabe (Hardcover): 112 Seiten, ca. 65 Farbfotos, mit handgefertigten Illustrationen

Verlag: Busse Collection

Erscheinungstermin: Februar 2015

€ 18,95 (D) € 19,50 (A) 27,50 CHF (CH)

ISBN 978-3-512-04055-9

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Die Wurzeln von Halloween

Bald steht er wieder vor der Tür, der gruseligste aller Feiertage: Halloween. Und auch wenn es nicht direkt etwas miteinander zu tun hat: Viele Vintage-Anhänger lieben Halloween und nicht zuletzt die Rock’n’Roller und Rockabellas lassen sich die kreativsten Kostüme zu dieser Gelegenheit einfallen. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Tag der Toten? Ist er keltischen Ursprungs oder sind seine Wurzeln etwa doch im Christentum zu suchen?

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Hierzulande eher unbekannt: Der Glaube, dass Damen im Spiegel zu Halloween ihren zukünftigen Partner sehen können.

Nun, zunächst muss man feststellen, dass es kaum Belege über einen Totenkult um einen Gott namens Samhain gibt. Vielfach wird behauptet, dieser habe einem Feiertag zum Ende des Sommers seinen Namen geliehen. Am 31.10. soll man ihm angeblich ebenso wie Geistern, Verstorbenen und dem ausgehende Sommer gedacht haben. Doch weder Datum noch Gott sind hinreichend belegt. Das christliche Totengedenken allerdings schon. Bereits im zweiten Jahrhundert gedachte man der verstorbenen Angehörigen an bestimmten Tagen bevor im Jahre 998 der Feiertag Allerseelen zu diesem Zweck bestimmt wurde.

Woher kommen denn aber nun die Stimmen, die Halloween in der keltischen Tradition sehen und die sich bis heute hartnäckig halten? Während der sogenannten irischen Renaissance haben die Iren sich auf die Suche nach den Ursprüngen ihrer Kultur gemacht und dabei teilweise doch recht krampfhaft versucht Verbindungen herzustellen zu sehr alten und vermeintlich „traditionellen“ Riten und Bräuchen. Den irischen Ursprung des Festes bestreitet wohl auch der kritischste Volkskundler nicht, er wird ihn allerdings lediglich aus dem christlichen Brauch den Abend vor Allerheiligen zu begehen ableiten. Denn schon der Name lässt dies erkennen. Halloween = All Hallows Eve, also der Abend vor Allerheiligen. An diesem zogen die Armen von Haus zu Haus und erbaten Essen und andere Gaben im Tausch gegen ein Gebet für die im katholischen Glauben dem Fegefeuer anheim gegeben Verstorbenen der jeweiligen Bewohner. Gebete sollen nämlich u.a. die Zeit im Purgatorium verkürzen können.

Mit der großen Auswanderungswelle der Iren in die USA im 19. Jahrhundert kam der Gedanke von Halloween auch dort an. In Amerika entwickelten sich dann auch viele der heute für uns charakteristischen Elemente des Feiertags. Der Kürbis beispielsweise war dort reichlich vorhanden und so wurde aus der Rübe der ursprünglichen Jack O´Lantern Legende der Kürbis. Ebenso kam der Aspekt der verkleideten Umzüge von Haus zu Haus hinzu. Diese lassen sich nämlich erst etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachweisen. Heute sind die christlichen Ursprünge natürlich nicht mehr zu erkennen und vor allem die evangelische Kirche sieht Halloween oftmals als Konkurrenz zum Reformationstag.

 

Bevor Sie jetzt aber denken, dass wir die Entwicklung von Halloween nicht gut finden oder gar untersagen möchten sich zu verkleiden und umherzuziehen, können wir Sie beruhigen. Die Redaktion des Flaneurs liebt Halloween! Und zwar genau so bunt und voller Süßigkeiten wie es von Amerika den Weg zu uns gefunden hat. Wir freuen uns schon, wenn an diesem Abend ein paar süße, verkleidete Kinder an unserer Türe klingeln und „Süßes oder Saures“ rufen.

Viele weitere spannende Geschichten zu Kultur und Wissen finden Sie auch im Vintage Flaneur

Isabeau Peter/Betty Bow

 

PS: Frl. Dovermann dagegen möchte ihre Süßigkeiten schwangerschaftbedingt lieber behalten und selber essen.

 

Bilder: http://publicdomainreview.org/collections/halloween-postcards/

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Buchvorstellung „Guten Morgen, Herr Lehrer“

Liebe Flaneure,

Lesen macht klug – und wo bekam man es früher beigebracht? Im Zweifel in der Dorfschule! Zu diesem Thema haben wir hier eine tolle Buchvorstellung für Sie – inklusive Leseprobe 🙂 Immer wieder tolle Literaturtipps finden Sie natürlich auch in der aktuellen Ausgabe des Vintage Flaneurs.

Darum geht es in dem Buch
Wer auf dem Land groß geworden ist, kennt sie noch, die einklassige Dorfschule, in der die Schüler aller Altersgruppen gemeinsam in einem Raum unterrichtet wurden. Die Lehrer Siegfried Kirchner, Manfred Wenderoth und Egon Busch begannen Anfang der 1960er Jahre in solchen Dorfschulen ihre Laufbahn. Heiter, witzig, oft auch skurril sind die Anekdoten und Geschichten aus dieser Zeit, als der Herr Lehrer neben dem Bürgermeister und dem Pastor noch zu den hochgeachteten Persönlichkeiten im Dorf zählte.
Die Drei Lehrer erzählen im Buch von ausgefallenen, oft lustigen oder kuriosen Begebenheiten aus dem Klassenzimmer und dem Dorfalltag, von Wanderungen und Festen und von Klassenfahrten der „Landeier“ in Großstädte. Immer wieder müssen die jungen Lehrer dabei unvorhersehbare Situationen meistern.

Es sind herrlich unterhaltsame Schulgeschichten, die bei Ihnen Erinnerungen an ähnliche Episoden aus der eigenen Schulzeit wecken werden. Lesen Sie weiter unten einen kleinen Auszug!


Kirchner, Wenderoth, Busch
Guten Morgen, Herr Lehrer
Drei Dorfschullehrer erzählen. 1959-2002.
Unterhaltsame und heitere Erinnerungen an die einklassige Dorfschule.
256 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister,
Zeitgut Verlag, Berlin.
Klappenbroschur
ISBN 978-3-86614-225-1
Euro 10,90


 

[Bayrischer Wald, Mittelfranken; Ende 1940er/50er Jahre]
Siegfried Kirchner
Der Birnbaumpädagoge
Neben meinen eigenen Erlebnissen möchte ich an dieser Stelle von Erlebnissen anderer Kollegen erzählen, die mir im Verlauf meiner langjährigen Tätigkeit zu Ohren gekommen sind.
Jeder Lehrer erlebt in seiner Laufbahn nicht nur angenehme Unterrichtstage, die gut verlaufen, nein, es gibt für ihn auch solche, an denen er sich ärgern muss und an die
er sich aus irgendeinem Grund nicht gern erinnert. Was allerdings vor vielen Jahren einmal einem Pädagogen an einer ungeteilten Landschule im südlichen Mittelfranken passiert ist, war wohl nicht nur äußerst merkwürdig, sondern wahrscheinlich auch einmalig:
An einem schönen Septembertag stand der Lehrer wie immer vor den ihm anvertrauten Kindern im Klassenzimmer und mühte sich redlich, ihnen etwas Rechtes beizubringen.
Alles verlief zu seiner Zufriedenheit. Als er nach einiger Zeit den Schülern schriftliche Aufgaben erteilt hatte und alle beschäftigt waren, fiel sein Blick durchs Fenster auf den Birnbaum, der draußen im Garten stand. Die milde Herbstsonne blinzelte durch das Geäst, das schwer zu tragen hatte an zahllosen gelben reifen Früchten, die nur darauf zu warten schienen, dass sie geerntet werden. Weiß der Kuckuck, welcher Teufel den Lehrer damals ritt, es zog ihn jedenfalls bei diesem Anblick mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus ins Freie. So ging er, wohlversorgt mit Korb und Leiter, in den Garten und begann unverzüglich mit der Obsternte. Nicht, dass er seine Schulkinder dabei vergessen hätte; als gewissenhafter Erzieher gab er durch die geöffneten Fenster des Klassenzimmers seine Anweisungen und forderte die Schülerinnen und Schüler auf, sich ruhig zu verhalten und fleißig weiter zu arbeiten. Irgendwie war er sogar ein wenig stolz darauf, was er alles gleichzeitig fertigbrachte: Obst ernten, dabei Kinder unterrichten und obendrein eine von den süßen Birnen verspeisen – das können die wenigsten!
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Das Unglück schreitet bekanntlich schnell, in diesem Falle kam es anmarschiert in der Person des Schulrate, der ausgerechnet an diesem Tag den Unterricht des Lehrers inspizieren wollte.
Als der das Klassenzimmer betrat, sah er zwar viele Kinder, die ihren schulischen Pflichten nachkamen, aber keinen Lehrer. Nach entsprechenden Hinweisen der Schüler eilte er in den Garten und ging zielstrebig auf den Baum zu, in dessen Krone noch immer ahnungslos der birnenpflückende Schulmeister hockte. Als der den Schulrat erblickte, war er, starr vor Schreck, weder zu einer Bewegung, noch zu einem Wort fähig. Am liebsten hätte er sich hinter einem dicken Ast versteckt, wenn das nur möglich gewesen wäre. Schließlich musste er sich aber doch aus seiner Schreckstarre lösen, denn der Schulrat forderte ihn auf, sofort herunterzukommen. Nachdem dies geschehen war, begaben sich die Herren ins Schulzimmer.

Gab es ein ernstes Gespräch unter vier Augen?
Wurden disziplinarische Maßnahmen ergriffen?
Ersteres ist anzunehmen, von letzterem wurde nichts bekannt. Der ertappte Sünder arbeitete offenbar sonst zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten. Es ist zu vermuten, dass der Schulrat das Fehlverhalten des Pädagogen als einmaligen „Ausrutscher“ betrachtete.
Im Dorf aber verbreitete sich die Nachricht von diesem Ereignis wie ein Lauffeuer. Schlimmer war, dass auch ein Kollege davon erfuhr, und wenn es einer weiß, dann wissen es meistens bald alle. Man kann sich vorstellen, mit wieviel Spott und Häme der Pädagoge bei der nächsten Lehrerkonferenzbegrüßt wurde. Unter der Schadenfreude hatte er noch längere Zeit zu leiden. Schließlich gab es jedoch wieder andere Neuigkeiten und die  Hänseleien der Kollegen ließen nach.  Den Spitznamen aber, den der bei der Obsternte Ertappte damals erhielt, wurde er nie mehr los, und so blieb er bis ans Ende seiner Tage „der Birnbaumpädagoge“